Von Angesicht zu Angesicht

 

Frontseite
Kolping
Kenia
Frauen
Projekt
Begegnungen
Kraefte
Pfarrei

Alles hatte damit begonnen, dass unsere Pfarrei ein neues Projekt suchte, welches sie ideell und finanziell unterstützen wollte. Das war im Jahre 1999. Unsere Pastoralassistenten, Petra und Thomas Leist, die seit ihrer Studienzeit Kontakte zu kirchlichen Stellen in Kenia haben und während ihrer wiederholten Aufenthalte im Lande die Probleme der dortigen Bevölkerung kennen lernten, machten den Vorschlag, in Zusammenarbeit mit dem Kolpingwerk ein Frauenbildungsprojekt, zu unterstützen. – Und weil sie dies so überzeugend taten, hatten sie bald Pfarreirat und Kirchenpflege hinter sich. Die Arbeit für das Projekt konnte beginnen.

F r a u e n p r o j e k t

Unser Kenia-Projekt ist ein Frauenprojekt, resultierend aus der Erkenntnis, dass Frauen zuverlässiger sind, vor allem, was den Umgang mit Geld betrifft. Sie gelten in Kenia als "Motor der Entwicklung". Frauen, so heisst es in Berichten der Entwicklungsorganisationen, lassen sich besser motivieren. Ob das auch für uns in Europa gilt? Ist es Zufall, dass unsere Kenia-Gruppe eine reine Frauengruppe ist??

Die Frauen auf dem Lande – und denen gilt unser Hilfsprojekt – sind in Kenia ganz besonders gefordert. Nur 3-5% der Männer haben ein regelmässiges Einkommen, die meisten sind in der Stadt auf Arbeitsuche. Frauen müssen indessen die Familie versorgen und ernähren. Sie müssen die Kinder grossziehen und brauchen vom ersten Schultag an für sie Schulgeld. Frauen pflegen kranke Familienmitglieder und müssen ihnen Medizin besorgen. Sie arbeiten auf dem Feld oder im Garten, damit die Familie etwas zu essen hat und evtl. ein Teil der Ernte verkauft werden kann. Wenn dies nicht gelingt, müssen sie nebenher eine Arbeit annehmen, und manchmal bleibt nur das Abgleiten in die Prostitution mit allen Demütigungen und Gefahren. Ohnehin haben sich oft bereits die Männer in der Stadt mit AIDS infiziert und stecken wiederum ihre Frauen an. Die einfache Bevölkerung auf dem Lande ist bis jetzt n i c h t aufgeklärt über die Gefahren dieser Krankheit und wie man sich vor Ansteckung schützen kann. Aufklärung, die von anderen NGOs geboten wird, erreicht nur die gebildetere städtische Bevölkerung.

Deshalb möchte unser Projekt, das sich "Kolping Women’s Education Project Kisumu" nennt, den einfachen Frauen durch Vergabe von günstigen Krediten und durch Bildungsangebote helfen, ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern.

Wie wir alle aus der Weltpresse wissen, ist AIDS das Problem Nr.1 in Afrika. Die Krankheit radiert eine ganze Elterngeneration aus und lässt Millionen von Waisenkindern sowie überforderten Grosseltern und Verwandten zurück. Diese Situation hat uns veranlasst, von unserem ersten gesammelten Geld in Kisumu und Umgebung zwei Aufklärungskurse zu finanzieren: ein Wochenseminar (für Ansprechpersonen aus den einzelnen Pfarreien) "Training of Trainers" und Tagesseminare in mehreren Pfarreien "Bewusstseinsbildung".

K e i n e E i n b a h n s t r a s s e

In unserer Arbeit für das Projekt haben wir bald gemerkt, dass es nicht genügt, wenn einfach Geld von Europa nach Afrika fliesst. In den Pfarreien hier in der Schweiz und dort in Kenia müssen die Menschen sich begegnen. Das bringt Motivation auf beiden Seiten. So haben wir den Erzbischof Zaccaeus Okoth von Kisumu eingeladen im Juli 2000 in unserer Pfarrei die Firmung zu spenden. Für ihn wie für die ganze Pfarrei war dieser Besuch ein Erlebnis, das verbindet und "Bewusstsein bildet".

Eine Beziehung muss gepflegt werden, wenn sie lebendig bleiben soll. Zwar bekamen wir regelmässig Berichte über die durchgeführten Seminare und Workshops, aber Berichte sind eben "nur" Papier, nichts lebendiges. Wo sind die Menschen, die zu diesen Berichten gehören? Vielleicht entstand deshalb in der Gemeinde der Wunsch, unsere Projektpartnerinnen zu besuchen und es bildete sich eine "Kenia-Reisegruppe" von 15 Personen im Alter von 11 bis 75 Jahren, die in den Sommerferien 2001 nach Kenia aufbrechen wollte.

Im Laufe des Jahres und mit jedem Treffen wurde unser Vorhaben konkreter. Ganz leise stellten sich aber manchmal auch Zweifel ein: Wir brauchen versch. Impfungen und eine Malaria-Prophylaxe, das Flugticket ist nicht ganz billig, die Reise wird anstrengend werden, es ist nicht alles "pfannenfertig organisiert und und und ....

Aber immerhin: Es ist für unser Projekt – wir, die Europäer, nehmen (in einem gewissen Ueberlegenheitsgefühl) den Zeitaufwand, die Ueberwindung der grossen Distanz, die finanziellen "Opfer" auf uns. Wir bringen den Kenianerinnen ja schliesslich (mit unserem Check)

Aufklärung und Fortschritt. Wir machen das freiwillig und gerne, wir sind neugierig auf Land und Leute, haben aber immer noch "die europäische Brille" auf.

V o n A n g e s i c h t z u A n g e s i c h t

Es ist der 15. Juli 2001, als unsere Swissair-Maschine in Nairobi landet. Die drei Leiterinnen des Projekts erwarten uns schon, begrüssen uns mit herzlicher Umarmung und bringen uns ins Kolping-Guesthouse. Mehrere hundert Kilometer sind sie angereist, um uns von nun an zu begleiten. Zunächst haben wir zwei Tage "frei", um uns zu erholen und zu akklimatisieren. Dann beginnt unsere eigentliche Projekt-Rundreise.

Die erste Fahrt geht von Nairobi nach Kisumu an den Viktoriasee, wo wir für 12 Tage bei den St. Anna Schwestern wohnen werden. Die Etappe ist lang, und wir sind schon etwas müde, als wir nachmittags am ersten Treffpunkt mit Frauen ankommen, quasi im Vorbeifahren auf dem Weg zu unserem Ziel. So messen wir ihm auch im ersten Moment gar keine so grosse Bedeutung bei. Aber da haben wir uns geirrt: Kaum sind unsere Busse durch das grosse Tor von Ahero gefahren, erleben wir einen "Ueberfall". Laute Triller erschallen, sodass wir zunächst fast erschrecken und nicht wissen, was das bedeuten soll. Es sind Jubeltriller aus der Kehle von mehr als 5o Frauen, die tanzend und singend unseren Bus umkreisen. Fast zerren sie uns aus dem Wagen und kaum stehen wir auf festem Boden, noch etwas steif von den vielen Stunden im Bus, halten sie schon unsere Hände und tanzen mit uns.-

Sie führen uns in eine Halle, wo Gebäck und Getränke auf uns warten und wir offiziell willkommengeheissen werden. "Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat" beginnt die Sprecherin ihre Rede. Wer würde das bei uns sagen?

Alle Frauen werden uns einzeln vorgestellt, auch wir stellen uns natürlich vor, und nachdem wir uns gestärkt haben, wird wieder getanzt und dazu gesungen. Dunkle Hände greifen nach unseren und im Nu sind wir wieder mitten im freudigen Geschehen. Zeit spielt keine Rolle mehr. In Afrika gehen die Uhren anders...

Kreuz und quer durchs Land fahren wir in den nächsten Tagen. Unsere zwei Kleinbusse quälen sich über Strassen, die diesen Namen nicht verdienen, es sind vielmehr staubige und löchrige Pisten. Nur in der Hauptstadt und in touristischen Gebieten trifft man auf asphaltierte Strassen und eine entsprechende Infrastruktur. Die Bevölkerung auf dem Lande lebt in wirklicher Armut, in Hütten, oft ohne Strom und Wasser. Vom Staat kann sie keine Hilfe erwarten. Umso dankbarer ist sie für die Hilfe der Kirchen und für die Möglichkeit zur Teilnahme an Projekten wie dem unseren.

Wo wir auch hinkommen, wir werden immer mit dem gleichen Zeremoniell begrüsst, d.h. singend umtanzt, an den Händen gefasst, umarmt. Aber nicht nur dies. Die Koordinatorin Selline Owitti und die Lehrerinnen an allen Orten berichten über die durchgeführten Kurse, von den Erfolgen ihrer Arbeit, und die Frauen zeigen uns in kl. Theaterszenen und Gedichten, was sie in ihren Workshops und Seminaren über AIDS gelernt haben und jetzt weitergeben.

Die Bekämpfung von AIDS hat erste Priorität. Nirgends ist von Schuldzuweisung die Rede, vielmehr von der liebevollen Pflege in den Familien. Gerade dabei geschieht aber trotz aller Vorsicht oft auch wieder Ansteckung. Wir wissen, dass es Frauen gibt, die infiziert sind, auch unter denen die uns begrüssen und mit uns feiern.

Hinter welcher Stirn wohnen Sorge und Angst?

Wer von ihnen hat einen Verdiener in der Familie?

Wie viele Kinder haben sie zu versorgen?

Bei einer anderen Station im Waisenhaus von Nyangoma sehen wir Babies und Kleinkinder, die durch AIDS zu Waisen geworden sind. Es ist die erschütterndste Begegnung auf unserer Reise. Je 24 Kinder bewohnen ein Zimmer. Im Halbschlaf liegen sie, nur mit einer Windel bekleidet, in ihren kleinen Betten. Einzelne zeigen schon deutliche Symptome von Hospitalismus, auch HIV-infizierte Kinder gibt es. In einem anderen Zimmer werden die Kinder gerade reihenweise aufs Töpfchen gesetzt und bekommen eine Tasse mit irgendeinem Getränk darin in die Hand gedrückt. Es ist eine Serienabfertigung, anders kann man das nicht nennen. Wir können den Anblick der Kleinen fast nicht ertragen. Dabei tun die Schwestern, die das Heim führen, wirklich ihr Bestes und kommen ihrerseits physisch, psychisch und finanziell an die Grenzen ihrer Kräfte. Mutterliebe und Geborgenheit im intimen Rahmen einer Familie können sie jedoch diesen Kindern nicht schenken. (Ein Reiseteilnehmer gründete an Ort und Stelle ein Patenschafts-Projekt, Informationen: waisenhaus-kenya@datacomm.ch)

F r ü c h t e

Nach diesem traurigen Exkurs noch einmal zurück zu unserem Frauenprojekt. Gerechtigkeit und Frieden, Frauenrechte und Menschenrechte, Bildung von Selbsthilfegruppen, Umgang mit Krediten und Ersparnissen, das sind alles ebenfalls Unterrichtsthemen. Stolz, Freude und Dankbarkeit sprechen aus den Gesichtern der Frauen. Sie sind sich ihrer selbst und ihrer Aufgaben in der Gesellschaft bewusst geworden. Selbstverständlich werden wir überall, wo wir hinkommen, auch grosszügig von den Frauen beschenkt, meist mit Dingen, die zum Verkauf hergestellt werden wie geflochtene Hüte, Körbe und Fussmatten, alles Früchte ihrer Arbeit.

Die Früchte ihres Glaubens lernen wir in der Sonntagsmesse kennen. Bei Pater Richard Oloo gibt es ein grosses Gotteshaus, ich schätze, dass 1000 Menschen darin Platz finden. Aber da bleibt kein Platz leer, es stehen noch Menschen im Freien an den Eingängen und dies nicht, weil da ein paar Europäer zu Besuch gekommen sind. Bereits zwei Stunden vorher war die Kirche genau so voll, dabei müssen die meisten weite, mehrstündige Wege zu Fuss zurücklegen. Singend und tanzend ziehen Pfadfindergruppen, Kinder- und Frauengruppen ein. Und welch eine Musik! Es sind Klänge und Rhythmen, denen man sich nicht entziehen kann. Eine ganze Kirche ist in Bewegung. Wir Europäer kommen aus dem Staunen nicht heraus, und es beschleicht uns eine Wehmut, wenn wir an zu Hause denken. Spätestens in diesem Gottesdienst ist mir klar geworden, dass wir nicht nur Geber sind mit unserem Projekt, sondern auch Empfangende. Gott sei Dank. Uschi Kern

 Copyright by Pfarrei Birmensdorf
Bei Fragen oder Unklarheiten im Zusammenhang mit dieser Website, wenden Sie sich bitte an webmaster@kisumu.de.
Stand: 10.03.2005